Sechs Fragen an Guido Grossmann

 

Frage 1

Was fasziniert Sie am meisten an den Naturwissenschaften?

Besonders fasziniert mich die Triebkraft der Naturwissenschaft, die menschliche Neugier. Mich fasziniert, wie Neugier uns antreibt Risiken einzugehen, um Unbekanntes zu entdecken und Hintergründe zu verstehen. Neugier bestimmt unser Handeln von frühester Kindheit an. Bevor wir laufen können, beginnen wir Dinge zu untersuchen. Als Naturwissenschaftler haben wir das Privileg, unsere Neugier zu einem Werkzeug machen zu dürfen. Unsere Entdeckungen dürfen wir dann teilen und als Gemeinschaft voneinander lernen. Dadurch entsteht dieser endlos wachsende und dynamische Fundus an Wissen. Dank Quervernetzungen und gelegentlichen Geistesblitzen bringt er mal technischen Fortschritt, mal tiefere Erkenntnis hervor.

Frage 2

Welche Lieblingspflanze haben Sie und warum?

Ich glaube, ich könnte mich nicht für eine einzige "Lieblingspflanze" entscheiden. Es ist gerade die Vielfalt an teils extremen Anpassungsformen bei Pflanzen, die einen immer wieder staunen lassen. Besonders tief beeindrucken mich amerikanische Grannenkiefern, die als langlebigste Individuen tausende Jahre am selben Standort verbringen. Sie sind ein eindrucksvolles Beispiel und vielleicht auch Vorbild in Sachen nachhaltiger Ressourcennutzung. Ewig leben allerdings auch sie nicht.

Frage 3

Welches Ereignis aus Ihrem Leben als Forscher ist Ihnen am meisten in Erinnerung geblieben?

Der Moment, als ich als Doktorand am Konfokalmikroskop zum ersten Mal live beobachten konnte, wie sich Plasmamembranproteine in Abhängigkeit von der Stärke des Membranpotentials in der Membran neu sortierten, in Nanodomänen ansammelten oder diese wieder verließen. Mir wurde schlagartig klar, welche neuen Regulationsmöglichkeiten sich für Zellen durch solch transiente "Reaktionsräume" ergeben würden. Ich war so begeistert, dass ich mitten in der Nacht meinen Doktorvater Widmar Tanner aus dem Bett klingelte. Er hatte die Existenz solch einer Dynamik schon Jahrzehnte zuvor vorhergesagt - und nun konnten wir es erstmals mikroskopisch beobachten! Das sind die Momente, für die ich - sicher wie die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen auch - diesen Job liebe. Und als ich morgens mit Augenringen, aber breitem Grinsen nach Hause kam, war auch meiner Frau Sabrina klar, dass ich mich von der Idee, die wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen, wohl nicht mehr so leicht abbringen lassen würde.

 

Extra-Frage

Wo haben Sie vorher gearbeitet und was waren Ihre Forschungsschwerpunkte?

Während meiner Promotion bei Widmar Tanner an der Universität Regensburg befasste ich mich mit dem Thema Molekulare Organisation der Plasmamembran, das mich seither mit seinen verschiedensten Aspekten begleitet. Damals hatten wir die laterale Trennung von Proteinen in verschiedene Nanodomänen untersucht und dabei u.a. die oben beschriebene Funktion des Membranpotentials bei der Sortierung entdeckt. Während ich bisher mit Bäckerhefe gearbeitet hatte, wechselte ich nun in die Pflanzenwissenschaften und verbrachte meine Postdoc-Zeit als EMBO-Fellow an der Carnegie Institution for Science in Stanford (USA) in den Gruppen von Wolf Frommer und David Ehrhardt. Dort untersuchte ich die Rolle des kortikalen Zytoskeletts in der Membranproteindynamik bei Arabidopsis. Außerdem entwickelten wir mit Kollegen den RootChip, eine mikrofluidische Plattform für die Live-Mikroskopie und Stimulation von Arabidopsis-Wurzeln in präzise kontrollierten Mikroumgebungen. 2013 wurde ich dann Leiter einer unabhängigen Arbeitsgruppe am Centre for Organismal Studies der Universität Heidelberg und Mitglied des Exzellenzclusters CellNetworks. Seitdem reichen unsere Themenschwerpunkte von Mechanismen der Zellpolarisierung, der Regulation des zellulären Wachstums, bis hin zu Zell-Zell-Kommunikation in Pflanzen. Dabei kommt weiterhin u.a. eine Kombination aus Mikroskopie und Mikrofluidik zum Einsatz, die wir speziell für Experimente zu Pflanze-Umwelt-Interaktionen weiterentwickeln.

Frage 4

Welchen Rat würden Sie jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern geben?

Bewahrt Euch Eure kindliche Neugier! Sucht Euch Vorbilder. Vernetzt Euch. Und haltet stets die Fahne der wissenschaftlichen Integrität hoch.

Frage 5

Wenn Sie die Wahl hätten, welche wissenschaftliche Frage würden Sie gerne beantworten können?

Mich interessiert, wie höhere Ordnung entsteht, sowohl bezüglich der Anordnung von Materie - in Zellen oder im Universum - und andererseits auf einer immateriellen Ebene, wenn Ordnung dazu führt, dass Information verarbeitet und gespeichert werden kann und letztlich manche Organismen sogar dazu befähigt, ein Bewusstsein zu entwickeln. Vielleicht können wir mit unserer Forschung einen kleinen Beitrag leisten, wenn wir es schaffen die Funktionsweise eines vergleichsweise einfachen, aber durchaus informationsverarbeitenden Systems, wie der pflanzlichen Wurzel, besser zu verstehen.

Frage 6

Was machen Sie nach der Arbeit am liebsten?

Am liebsten verbringe ich die Zeit außerhalb des Labors mit meiner wundervollen Familie, die mich unterstützt, inspiriert und auch auf andere Gedanken bringt ... und die mich, wenn ich gerade wieder "Vorträge" halte, daran erinnert, dass ich zuhause in erster Linie Papa sein darf.

 

Steckbrief

Name:

Guido Grossmann

Position: 

Leiter des Instituts für Zell- und Interaktionsbiologie

Bei CEPLAS seit:

Oktober 2020

Geburtsort:

Dresden

 

Heinrich Heine University
University of Cologne
Max Planck Institute for Plant Breeding Research
Forschungszentrum Jülich